Verkehrsminister Hermann für
späteren Schulbeginn.
Und was sagen die Pädagogen?

Friesenheim, den 12. Juni 2019

Gestaffelten Unterrichtsbeginn für alle fordert der Verkehrsminister – damit ist der Berufsverkehr entzerrt. Diese Idee hat einen gewissen Charme, allerdings ist beim Unterrichtsbeginn der Verkehr nur ein Faktor unter vielen – und sicher nicht der entscheidende, meint Ingeborge Schöffel-Tschinke, die Vorsitzende des Landesschulbeirates Baden-Württemberg.

Seit über 10 Jahren wird intensiv über die Nachteile des frühen Unterrichtsbeginns für Schülerinnen und Schüler diskutiert, Chronobiologen beklagen den Schlafmangel bei Jugendlichen, die zu 70 bis 80 Prozent „Eulen“ sind und vor 10.00 Uhr am Vormittag nur einen Teil ihrer Leistungsfähigkeit erbringen können, und der Biologe Christoph Randler von der Uni Leipzig hat bereit 2006 in einer Untersuchung eine Korrelation zwischen Chronotyp und Abiturnoten festgestellt, Frühaufsteher haben signifikant bessere Zeugnisse!

Also wäre die Lösung für die immer schlechter werdenden Leistungen ein späterer Unterrichtsbeginn, zumal die gepriesenen finnischen Schülerinnen und Schüler erst um 9.00 Uhr beginnen (allerdings auch die bei Leistungsvergleichen weniger erfolgreichen in Großbritannien oder Italien).

Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass dann der Unterricht nicht um 13.00 Uhr enden kann, damit muss man die Ganztagesschule in den Blick nehmen. Die Ganztagesschule hat viele Vorzüge – späterer Unterrichtsbeginn, rhythmisierter Tagesablauf, Hausaufgaben sind erledigt, wenn die Schülerinnen und Schüler nach Hause kommen, die Chancengerechtigkeit ist größer für diejenigen, deren Eltern nicht für ein umfangreiches Begleitprogramm aus Sport, Musik und Nachhilfe sorgen können.

Weshalb also nicht verstärkt Ganztagesschulen einrichten, die in vielen europäischen Ländern schon seit Jahrzehnten Standard sind? Interessanterweise sind die Betroffenen – Schüler und Eltern – nicht einhellig begeistert von der Idee. Bei einer Umfrage in ARD Deutschlandtrend sprächen sich nur 39% der Befragten für einen späteren Schulbeginn aus, 57% waren dagegen (und die Eltern unter 14-Jährigen sogar zu 63%). An einem Berliner Gymnasium sind die Schülerinnen und Schüler nach einem Probelauf mit späterem Schulbeginn nicht mehr so begeistert – länger dableiben finden sie auch nicht so gut.

Bei der aktuellen Umfrage der BNN von heute zeichnet sich ab, dass nur etwa die Hälfte der Befragten für einen späteren Beginn ist. Sportvereine und Musikschulen fürchten um ihre Klientel, und die Politik?

Der Landesschulbeirat Baden-Württemberg beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit der Ganztagesschule und sieht darin vor allem die Möglichkeit, in einer immer differenzierteren Gesellschaft Chancengerechtigkeit zu verwirklichen. In der Ganztagesschule wird nicht nur rhythmisiert und damit kindgerechter gearbeitet, sondern dazu gehört auch ein vielseitiges Angebot an Sport und Kunst, Demokratieerziehung und die Erfahrung mit regelmäßigem und qualitativ gutem Mittagessen.

Allerdings ist dies nicht zum Nulltarif zu haben! Und solange die halbherzige Alternative der Ganztagesbetreuung (möglichst unverbindliche Angebote, bei denen die Aufsicht und nicht die Qualität im Vordergrund steht) auch von vielen Eltern favorisiert wird, wird die Politik wohl nicht zum großen Wurf ansetzen, bedauert Ingeborge Schöffel-Tschinke.